Grüner Stahl: Warum Salzgitter und Thyssenkrupp gegensätzliche Wege gehen
Horst FischerGrüner Stahl: Warum Salzgitter und Thyssenkrupp gegensätzliche Wege gehen
Zwei deutsche Industriegiganten gehen beim Umstieg auf grüne Stahlproduktion völlig unterschiedliche Wege. Der weitverzweigte Mischkonzern Thyssenkrupp setzt auf seine Wasserstoff-Tochter Nucera, während er gleichzeitig seine schwächelnden Sparten umbaut. Salzgitter hingegen treibt mit SALCOS, dem konkretesten Dekarbonisierungsprojekt Europas, die Wende voran und hat zudem die Übernahme des HKM-Werks in Duisburg vereinbart, um seine Lieferkette abzusichern.
Thyssenkrupp bleibt ein klassischer Konglomerat mit Aktivitäten in den Bereichen U-Boot-Bau, Automobilzulieferung und Stahlhandel. Das Unternehmen zerschlägt sich derzeit selbst, verkauft schwache Geschäftsbereiche und konzentriert sich auf seine stärksten Assets. Herausragend ist dabei Nucera, ein weltweit führender Anbieter von Elektrolyse-Technologie für die Wasserstoffproduktion. Trotz dieses technologischen Vorsprungs hinkt Thyssenkrupp jedoch bei der Umsetzung der grünen Stahlwende hinterher. Anleger müssen mit hoher Volatilität leben – die Prognosen deuten auf einen Nettoverlust in dreistelliger Millionenhöhe hin, was schwer auf den Aktienkurs drückt. Anfang Februar 2026 liegt die Marktkapitalisierung des Konzerns bei 6,8 bis 7,36 Milliarden Euro.
Salzgitter hingegen verfolgt einen klaren Fokus: Stahlproduktion und -verarbeitung. Unter Führung von Vorstandschef Gunnar Groebler treibt das Unternehmen die Dekarbonisierung mit SALCOS voran, einem der fortschrittlichsten grünen Stahlprojekte Europas. Die vereinbarte Übernahme des HKM-Werks in Duisburg, deren Abschluss für den 1. Juni 2026 geplant ist, beseitigt Markunsicherheiten und stärkt die Lieferkette für CO₂-armen Stahl. Zwar stößt der Deal auf gemischte Reaktionen, doch die Salzgitter-Aktie notiert nahe ihrem Rekordhoch – ein Zeichen für das Vertrauen in die Unternehmensstrategie. Mit einer Marktkapitalisierung von 2,7 bis 2,9 Milliarden Euro bietet das Unternehmen eine stabilere Bewertung und eine Historie zuverlässiger Dividenden, bleibt aber den zyklischen Risiken des Stahlmarkts ausgesetzt.
Für Anleger hängt die Wahl vom Risikoappetit ab: Salzgitter spricht diejenigen an, die auf eine greifbare grüne Transformation setzen, während Thyssenkrupp höhere – wenn auch riskantere – Renditechancen bietet, falls Restrukturierung und Nucera-Ausgliederung gelingen.
Salzgitters Aktienresilienz und der klare Dekarbonisierungsfahrplan machen das Unternehmen zur sichereren Wette auf grünes Industriewachstum. Thyssenkrupp hingegen bleibt ein Hochrisiko-Investment, dessen Zukunft vom Erfolg der Abspaltungen und der Nucera-Wasserstofftechnologie abhängt. Der Abschluss der HKM-Übernahme im Juni wird die nächste Bewährungsprobe für Salzgitters Strategie sein.