Von Durchgestrichen zu Gleichheit - Solinger Pastoren teilen ihre Geschichten
Hans-Theo KuhlVon Durchgestrichen zu Gleichheit - Solinger Pastoren teilen ihre Geschichten
Die evangelische Kirche in Solingen hat in den vergangenen Jahrzehnten einen tiefgreifenden Wandel in Sachen Gleichberechtigung erlebt. In den 1960er-Jahren wurde Gisela Vogel als erste Pastorin der Stadt ordiniert – gegen Widerstände und mit nur begrenzter Anerkennung. Heute sind die Hälfte der 26 Pfarrer:innen im Kirchenkreis Frauen, ein Zeichen für den breiten gesellschaftlichen und institutionellen Wandel.
Gisela Vogel brach als Solingens erste Pfarrerin Tabus in einer Zeit, in der Frauen im geistlichen Amt noch eine Seltenheit waren. Anfangs stieß sie auf Skepsis und musste sich in einer von Männern dominierten Welt behaupten. Trotz der Hindernisse blieb sie standhaft und stieg später zur ersten Oberkirchenrätin im Rheinland auf – ein Meilenstein für die folgenden Generationen.
Während des Zweiten Weltkriegs hatten Frauen vorübergehend pastorale Aufgaben übernommen, doch nach Kriegsende wurden sie wieder in unterstützende Rollen gedrängt. Erst 1975 führte die Evangelische Kirche im Rheinland die rechtliche Gleichstellung von Frauen im Pfarramt ein. Dieser Schritt ermöglichte zwar mehr Frauen den Berufseinstieg, doch Vorurteile blieben bestehen. Dr. Ilka Werner, heute Superintendentin des Solinger Kirchenkreises, begann ihr Theologiestudium um die Mitte der 2000er-Jahre – etwa 30 Jahre nach Vogels ersten Berufsjahren. Auch sie erlebte geschlechterspezifische Vorbehalte, profitierte aber von den Fortschritten, die Pionierinnen wie Vogel erkämpft hatten. Jüngere Pfarrerinnen wie Raphaela Demski-Galla wiederum sind mit der Gleichberechtigung in der Kirche aufgewachsen – ein Zeichen dafür, wie sehr sich die Einstellungen gewandelt haben.
Heute betont die Kirche, dass Vielfalt in Perspektiven, Lebenserfahrungen und Identitäten ihre Stärke ausmacht. Beziehungsarbeit bleibt das Herzstück seelsorgerischer Tätigkeit, und unterschiedliche Blickwinkel helfen, Gemeinden zu begleiten und zu trösten. Gisela Vogel, die eine ältere Generation verkörpert, würdigt die erreichten Fortschritte, weiß aber auch: Der Weg zu voller Inklusion ist noch nicht abgeschlossen.
Mittlerweile ist der Solinger Kirchenkreis paritätisch besetzt – die Hälfte der Pfarrstellen wird von Frauen wahrgenommen. Der Wandel von Ablehnung zu Akzeptanz ist das Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe von Wegbereiterinnen wie Gisela Vogel. Die heutigen Verantwortlichen setzen sich weiterhin für Vielfalt als Grundpfeiler des kirchlichen Auftrags und des Gemeinschaftslebens ein.