Wie 20 Frauen 1973 einen historischen Streik bei Pierburg auslösten
Im August 1973 löste eine kleine Gruppe von Frauen im Pierburg-Werk in Neuss einen historischen Streik aus. Ihr Protest gegen niedrige Löhne und ungerechte Entlohnungsstrukturen entwickelte sich rasant zu einer Massenbewegung. Die Aktion gehörte zu den ersten in Deutschland, bei denen sich männliche Arbeiter mit ihren Kolleginnen solidarisierten – darunter viele Migrantinnen aus ganz Europa.
Am 13. August 1973 verließen etwa 20 Frauen ohne gewerkschaftliche Unterstützung das Pierburg-Werk. Sie forderten höhere Löhne und die Abschaffung des diskriminierenden Tarifs „leichte Arbeitsgruppe 2“, der ihre Arbeit als „geringe körperliche Belastung“ einstufte und entsprechend schlechter bezahlte. Ihr Spruch „Eine Mark mehr!“ spiegelte die Wut einer überwiegend weiblichen Belegschaft wider, zu der viele Migrantinnen aus Italien, Griechenland, der Türkei und Jugoslawien gehörten.
Der Streik griff schnell um sich und zog Hunderte von Beschäftigten in seinen Bann – Männer wie Frauen, Migrant:innen und Deutsche. Künstler:innen, Studierende und andere Arbeiter:innen schlossen sich solidarisch an. Die Polizei ging mit Härte gegen die Proteste vor und unterdrückte sie gewaltsam. Augenzugen berichteten von rassistischen Beleidigungen seitens der Beamten, darunter ein Polizist, der migrantische Streikende mit Schimpfwörtern bedachte.
Nach zähen Verhandlungen willigten die Arbeitgeber schließlich in eine Lohnerhöhung von 53 bis 65 Pfennig pro Stunde ein. Noch bedeutender: Sie schafften die „leichte Arbeitsgruppe 2“ komplett ab. Der Erfolg bei Pierburg löste landesweit eine Welle aus – bald verschwand auch anderswo diese diskriminierende Lohngruppe.
Die gezeigte Solidarität der männlichen Kollegen markierte einen Wendepunkt. Zum ersten Mal in Deutschland unterstützten Männer aktiv einen von Frauen geführten Streik und durchbrachen damit traditionelle Grenzen am Arbeitsplatz.
Der Pierburg-Streik endete mit einem klaren Sieg für die Beschäftigten. Die Löhne stiegen, der ungerechte Tarif „leichte Arbeitsgruppe 2“ wurde bundesweit abgeschafft. Zudem setzte der Protest ein Zeichen für geschlechterübergreifende Solidarität in der Arbeiterbewegung und hinterließ nachhaltige Spuren in den deutschen Arbeitsbeziehungen.






