Warum der Widerstand gegen den Kapitalismus im Neoliberalismus an Kraft verlor
Hans-Theo KuhlWarum der Widerstand gegen den Kapitalismus im Neoliberalismus an Kraft verlor
Ein neuer Sammelband untersucht, warum der Widerstand gegen den Kapitalismus während des Aufstieg des Neoliberalismus an Kraft verlor. „Krise der Kritik? Gegner des Kapitalismus im neoliberalen Zeitalter“ lenkt den Blick weg von der Dominanz marktliberaler Politiken und rückt stattdessen die Kämpfe jener in den Mittelpunkt, die sich ihnen widersetzten. Das Buch zeichnet nach, wie sich die Kapitalismuskritik von den 1970er- bis zu den 2000er-Jahren veränderte – und oft scheiterte.
Die globale Ausbreitung des Neoliberalismus seit den 1970er-Jahren wird meist auf zwei Weisen erklärt: als strukturelle Verschiebung im Kapitalismus oder als Ergebnis gezielter ideologischer Kampagnen. Doch der Sammelband argumentiert, dass auch der Niedergang antikapitalistischer Bewegungen Teil der Geschichte sein muss. Er erkundet, wie verschiedene Gruppen – von Protestbewegungen bis zu politischen Parteien – versuchten, die neue Wirtschaftsordnung herauszufordern, und dabei scheiterten.
Die Proteste von 1968 hatten Konsumkritik mit breiteren Angriffen auf den Kapitalismus verbunden und zu alternativen Lebensentwürfen und Konsumgewohnheiten geführt. Doch selbst dieser Widerstand war im Nachkriegsboom verwurzelt, als Konsumentscheidungen erstmals zum politischen Streitpunkt wurden. In den 1990er-Jahren jedoch flaute die Opposition ab. Die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) vermischte Identitätspolitik mit keynesianischer Wirtschaftspolitik, statt radikalen Wandel voranzutreiben.
Historische Forschungen zeigen, dass Sozialdemokraten und linksliberale Kräfte oft selbst neoliberale Reformen durchsetzten – als Reaktion auf Krisen, aber ohne echte Alternativen anzubieten. Gleichzeitig richteten sich Kritiker zunehmend gegen den Neoliberalismus als spezifisches Politikpaket, statt den Kapitalismus als Ganzes infrage zu stellen. Der Band deutet an, dass diese eingeengte Perspektive den breiten Widerstand schwächte.
Auch der Begriff Neoliberalismus selbst hat seine Grenzen. Soziologen behandeln ihn mitunter als einheitliche Kraft und übersehen dabei seine fragmentierte Realität. Andere verklären den Kapitalismus der 1960er- und 1970er-Jahre und blenden dessen eigene Widersprüche aus. Zwar liefert der Sammelband eine scharfsinnige historische Analyse, doch erklärt er nicht vollständig, warum die heutige Linke Mühe hat, eine kohärente Gegenbewegung aufzubauen.
Das Buch macht eine zentrale Verschiebung deutlich: Während frühere Bewegungen den Kapitalismus an sich hinterfragten, beschränkten sich spätere Kritiken oft darauf, seine neoliberale Ausprägung anzugreifen. Diese Verengung des Blicks fiel mit dem Scheitern der Linken zusammen, strukturelle Reformen zu verhindern. Das Ergebnis war eine geschwächte Opposition, die der langfristigen Vorherrschaft marktliberaler Politiken nichts entgegensetzen konnte.






